Maturansprache von Franz Hohler
Liebe Maturandinnen, liebe Maturanden, und alle andern, die auch lieb sind
Was ist die Stellung der Posaune im Sinfonieorchester? Was ist eine posttraumatische Belastungsstörung? Wie gross ist der Einfluss des Zufalls beim Poker? Verleiht der Energy Drink wirklich Flügel? Was sind die Ursachen der Airbus-Krise? Gibt es Energieverschleiss an der Kanti Oerlikon? Was macht Chili scharf?
Als ich die Mittelschule abschloss, wäre keine dieser Fragen ein Maturthema gewesen, und es freut mich, dass das heute anders ist. Ich habe mir eine Liste eurer Maturarbeiten geben lassen, damit ich ein bisschen weiss, mit wem ich es heute zu tun habe, und diese Liste, aus der Sie gerade eine Auswahl gehört haben, hat mich beeindruckt. Vor mir sitzen also junge Leute, die sich nicht nur über die vorhin erwähnten Fragen Gedanken gemacht haben, sondern auch über Mutter-Tochter-Beziehungen, über sexistische Werbung in den Print-Medien, über Zwangsehen in der Schweiz, über Skinheads, über Integration von Migrantenkindern in der Schule, über Linkshändigkeit, über das Aufmerksamkeitsdefizit - Syndrom (etwas, das mich mit zunehmendem Alter immer mehr interessiert..), über das Sehen, über das Hören, über das Lachen. Da sitzen auch welche, die Bescheid wissen über Windkraft, über Kernkraft, über Biogas, über die kosmische Höhenstrahlung, über Nanotechnologie, Raytracing, NXT's, Data Encryption, und über den Preiskampf zwischen Migros und Coop. Die Schlupfwespen wurden untersucht, die Anlockungs- und Fangmechanismen von fleischfressenden Pflanzen, der Lebensraum afrikanischer Elefanten, die Spinnenphobie, der Exorzismus und das Kinderzimmer. Und den Titeln entnehme ich auch, dass nicht bloss geschrieben wurde, sondern dass Gitarren, Roboter und Surround-Systeme gebaut wurden, dass CD's komponiert wurden, ja dass sogar Bier selber gebraut wurde.
Ich habe jetzt nur etwa einen Fünftel aller abgelieferten Arbeiten erwähnt, aber dieser Fünftel genügt zur Annahme, dass vor mir eine lebendige Enzyklopädie sitzt, dass hier Brockhaus, Google und Wikipedia live versammelt sind, und er genügt mir auch zur Annahme, dass Sie an diesen Arbeiten nicht nur geschwitzt und gelitten haben, sondern dass sie Ihnen auch Spass machten, weil sie offensichtlich auf eine Wahl zurückgehen, auf Ihre eigene Wahl, sich mit etwas zu beschäftigen, bei dem Sie Ihr Geschick und Ihre Neugier mit der Anwendung Ihres Wissens und Ihrer Lerntechnik vebinden können, ich sehe darin einen Ausdruck, über den auch jemand von Ihnen eine Arbeit geschrie-ben hat: Selbstbestimmtes Lernen.
Ich lese Ihnen eine kleine Geschichte aus meinem Buch "Die blaue Amsel". Sie heisst
Lernerfolg
"Siehst du", sagte die Logopädin strahlend zu ihrem 7jährigen Schüler, nachdem er erstmals und mehrmals das "sch" richtig ausgesprochen hatte, "siehst du, du musst nur die Zunge etwas nach hinten nehmen, und schon geht es."
"Ja", sagte der Schüler und nickte. Und dann fügte er hinzu: "Ich habe sie eben lieber vorne."
Ich weiss nicht, wem Ihre Sympathie gehört, aber ich weiss, dass hier einer verzweifelt versucht, das zu verteidigen, was er gerne tut. Er wird sich anpassen müssen, und die Anpassung wird ihm weiterhelfen, aber sie ist ein Sieg und eine Niederlage zugleich.
Ich nehme an, Sie alle haben während der Schulzeit Dinge gelernt, die Sie nicht gerne lernten, Dinge, von denen Sie überzeugt waren, dass Sie sie nichts angehen, dass Sie sie nicht brauchen und dass sie Ihnen nichts nützen.
Mir kommt wieder der Stundenplan eines meiner Söhne in den Sinn, den er in der Küche aufgehängt hatte, damit wir wussten, wann er in der Schule ist. Auf diesem Stundenplan hatte er ein paar kleine gelbe Striche gemacht, und als ich ihn fragte, was diese bedeuteten, sagte er, das seien die Stunden, auf die er sich freue. Es waren 6 von 30.
Das sind unbarmherzige und ernüchternde Meldungen von der pädagogischen Front, und ich hoffe, diejenigen von Ihnen, die sich später auf die andere Seite dieser Front begeben, werden die Erinnerung an ihre eigenen Stunden der Langeweile nicht vergessen.
Viele von Ihnen werden möglicherweise die verblüffende Erfahrung machen, dass auch die Gebiete, in denen sie sich nun ausbilden wollen, voll von Dingen sind, die sie nichts angehen. Wer Chirurg werden möchte, will keine chemischen Formeln mehr lernen, wer moderne Literatur studieren will, braucht die Regeln der zweiten hochdeutschen Lautverschiebung nicht zu kennen, und trotzdem werden sie von ihm verlangt.
Möglicherweise werden Sie auch im Berufsleben darauf stossen, dass Sie von Dingen, die Sie langweilen, geradezu umstellt sind. Sie wollten Psychotherapeutin werden und posttraumatische Belastungsstörungen behandeln, oder Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrome, oder Mutter-Tochter-Beziehungen begleiten und müssen nun Berichte für die Krankenkasse oder die Invalidenversicherung schreiben und Anträge stellen und Formulare ausfüllen.
Vielleicht ist deshalb der Andrang zu allen künstlerischen Berufen so gross, weil dahinter die Hoffnung steckt, man könne dann das tun, was einem wirklich gefällt. Ich habe nicht zuletzt aus diesem Grund im 5. Semester meinem Studium den Rücken gekehrt und bin freischaffender Künstler geworden, und ich bin es noch heute, aber - Sie täuschen sich, wenn Sie jetzt denken, ich erzähle Ihnen, was ich alles tun muss, das mich nichts angeht, denn ich will Sie weder entmutigen noch mit Erfahrungen winken, die Sie selbst machen oder nicht machen werden.
Debussy, der Komponist, hat einmal gesagt: "Als ich jung war, haben mir die Leute gesagt, warte, bis du 50 bist, dann wirst du sehen. Jetzt bin ich 50. Ich habe nichts gesehen."
"In der Schweiz", so fängt das einzige Grimm-Märchen an, das in der Schweiz spielt, "in der Schweiz lebte einmal ein alter Graf, der hatte nur einen einzigen Sohn, aber er war dumm und konnte nichts lernen."
Eines Tages hat der Graf genug und schickt ihn zu einem berühmten Meister in eine fremde Stadt, "der soll es mit dir versuchen."
Als der Sohn nach einem Jahr zurückkommt und ihn der Vater fragt, was er gelernt habe, sagt er: "Vater, ich habe gelernt, was die Hunde bellen."
"Dass Gott erbarm!" ruft der Vater, "ist das alles, was du gelernt hast?" und schickt ihn zu einem andern berühmten Meister, und als der Sohn nach einem Jahr wieder zurückkommt und ihn der Vater fragt, was er gelernt habe, sagt er, "Vater, ich habe gelernt, was die Vögli sprechen."
Ein dritter Meister wird gesucht und gefunden, und als der Sohn nach einem Jahr zurück kommt, hat er gelernt, was die Frösche quaken.
Der Vater jagt ihn mit Schimpf und Schande davon, aber da es ein Märchen ist, trifft der Sohn unterwegs auf wilde Hunde, die ihm erzählen, warum das Schloss, in dem er übernachtet, verwunschen ist, er erlöst es von seinem Zauber und wird reichlich mit Gold belohnt, dann hört er, als er auf seinem Weg nach Rom an einem Sumpf vorbeikommt, die Frösche quaken, da gehe der neue Papst, was ihn sehr nachdenklich macht, und und bei seiner Ankunft in Rom ist gerade der alte Papst gestorben, und es fliegen zwei Tauben auf seine Schultern. Das ist für die Geistlichkeit das Zeichen, dass er der neue Papst ist, "darauf musste er eine Messe singen und wusste kein Wort davon, aber die zwei Tauben sassen stets auf seinen Schultern und sagten ihm alles ins Ohr."
"Die drei Sprachen" heisst dieses Schweizer Märchen, und es fordert uns nicht gerade auf, unsere drei Landessprachen zu lernen. Seine Botschaft, wenn es denn eine hat, ist eher diese:
Lernen Sie das, was Ihnen Spass macht, auch wenn Ihre Eltern "Dass Gott erbarm!" rufen, vielleicht werden Sie Papst, oder sogar Päpstin.
Wenn Sie die mongolische Sprache interessiert, lernen Sie sie, vielleicht steht schon in zwanzig Jahren wieder ein Dschingis Khan vor den Toren Schwamendingens, und man ist froh, wenn jemand von uns mit ihm sprechen kann. Sinologie oder Arabistik waren ja während Jahren solche abgelegenen Fächer für ein paar weltferne Stubengelehrte, und plötzlich sind sie aktuell, denn alle fragen sich, was eigentlich die Chinesen wollen oder was wirklich in den islamischen Schriften steht, und ich habe mit Vergnügen und Respekt gesehen, dass eine Ihrer Maturar-beiten dem islamischen Gelehrten Abu Hamid al-Ghazali nachgeht.
Die Sprache der Vögel ist bestimmt etwas Schönes, aber was kann sie schon zur Bewältigung unseres Alltags beitragen? Das Studium der Zugvögel etwa, bringt uns das irgendetwas? Das sind Fragen des alten Grafen, der die Antwort darauf auch schon kennt. Aber er weiss noch nichts von der Vogelgrippe, die uns seit einigen Jahren beschäftigt, und bei der plötzlich das Wissen um die Zugvögel gefragt ist wie nie zuvor.
Auch die Kenntnisse der Anlockungs- und Fangmechanismen fleischfressender Pflanzen würde ich nicht unterschätzen. Woher wissen wir, dass sich nicht gerade diese Pflanzen in unserm Jahrhundert im Zuge der Klimaerwärmung in ungeahntem und nie gesehenen Masse vermehren und zu einer Plage werden, die unsern ganzen Planeten gefährdet?
Der alte Graf wird das nicht glauben, denn er ist nur an einer soliden Ausbildung interessiert, er lebt schliesslich in der Schweiz.
Oder konkreter gesagt: es gibt wenig Eltern, die ihren Kindern raten, ja nicht Jura zu studieren, sondern stattdessen auf eine Schauspielschule zu gehen.
Es gibt viele Wege, und keiner davon ist mit Sicherheit der richtige, es gibt auch viele Wegweiser, aber der wirkliche Wegweiser sind Sie selber.
Ich lese Ihnen ein kleines Gedicht des spanischen Lyrikers Antonio Machado, es heisst "Caminante", "Wanderer" - zuerst im Original:
Caminante, son tus huellas
el camino, y nada más;
caminante, no hay camino:
se hace camino al andar.
Al andar se hace camino,
y al volver la vista atrás
se ve la senda que nunca
se ha de volver a pisar.
Caminante, no hay camino,
sino estelas en la mar.
Ich habe dieses Gedicht auf schweizerdeutsch übersetzt:
Wanderer, nur dyni Tritt
si der Wäg, wo d nid darfsch verloh.
Wanderer, s git kei Wäg
du sälber machsch ne n im Goh.
Dört, wo du gohsch, isch der Wäg
suech rueig dyni Spur und lueg zrugg:
du gohsch nie meh über dä Stäg
du gohsch nie meh über die Brugg.
Wanderer, s git kei Wäg
nume Bäch, wo nie blybe stoh.
Wer spanisch kann, wird gemerkt haben, dass ich den Wanderer in der letzten Zeile vom Meer in die Berge geholt habe, denn auch ich lebe schliesslich in der Schweiz.
Vielleicht führt Sie Ihre Wanderung ans Meer, vielleicht in die Berge, vielleicht in die Städte, aber wo immer sie hinführt, ich wünsche Ihnen einen guten, einen eigenen Weg.
Und - vergessen Sie die andern nicht, mit denen Sie nun ein paar Jahre zusammen gegangen sind, vielleicht können sie Ihnen helfen, wenn Sie einmal etwas über Linkshändigkeit, Posaunen oder Kinderzimmer wissen wollen.
