Rede anlässlich der Maturitätsfeier vom 7. September 2007
Wir danken Herrn Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist, für das Einverständnis zur Veröffentlichung seiner Rede.
Ein paar Minuten noch - und Sie haben Ihr Reifezeugnis in der Tasche. Glückwunsch!
Manche sagen: Nie mehr in Ihrem Leben werden Sie so viel wissen, wie grad jetzt. So verzweigt, so artenvielfältig, so komplett. Kann schon sein. Muss aber nicht. Vor allem: Mit dem Wissen ist das so eine Sache. Macht Wissen reif?
Kommt drauf an, welche Art von Wissen. Nicht unbedingt jene Sorte von Allgemeinwissen, mit dem sich Günter Jauch eine Million abholen lässt. Man kann ein wandelndes Lexikon sein - und doch eine weiche Birne haben. Mir begegnet dieser Typ nicht selten, namentlich unter männlichen Akademikern. Ich höre dem Mann zu, denke, grosser Gott, was der alles weiss - doch seltsam, es interessiert mich nicht, weder der Mann noch sein Wissen. Das muss daran liegen, dass er sein Wissen nur einlöffelt und gelegentlich ausspuckt. Kaum hört der Mann zu reden auf, wirkt er so erotisch wie die Festplatte im PC.
Nun, solche Typen lässt die Kantonsschule Oerlikon nicht laufen. Hier weiss man: Maturanden sind keine Aktenordner, denen man bloss die richtigen Blätter einheften muss. Hier gilt - hoffe ich mal - der hübsche Satz des alten Griechen Archilochos: "Der Fuchs kennt gar viele Dinge, der Igel aber weiss von einer grossen Sache." Die grosse Sache. Sie wissen, was das ist. Spätestens seit Ihrer Maturaarbeit checkten Sie es: Die grosse Sache ist nicht von sich aus gross. Sie wird es erst durch uns, durch unsere Neugier, unsere Hingabe, unser Immer-mehr-wissen-wollen. Auf diesen Geschmack sind Sie spätesten mit Ihrer Maturaarbeit gekommen. Da war definitiv Schluss mit Schule als Restaurant, alles schon vorgekocht, verdaubar zubereitet. Jetzt mussten Sie selber kochen, selber probieren, selber anrichten. Mit Ihrer Fantasie, Ihrer Neugier, Ihrer Erfindung. Sicher merkten Sie: Diese Art zu wissen lohnt sich. Ein Wissen, das wir uns zu eigen machen - egal, ob zum Flug der Mauersegler, zu Nanotechnik, zu Gottfried Benns böser Lyrik, zu Debussys göttlicher Sonate, meinetwegen zum Weitsprung. Alles kann zur "grossen Sache" werden - sofern wir es uns einverleiben, es durchdringen mit unseren vitalen Neugierden.
Es ist mit dem Wissen wie mit der Liebe: Eine Geliebte haben kann jeder erotische Stümper. Sie aber täglich neu in ihren Möglichkeiten entdecken - statt sie bloss beim Gebrauchswert zu nehmen - , sie so umwerben, verwöhnen, verführen, dass sie in Hochform gerät und wir uns selber nicht mehr kennen: das ist erotische Kunst. Mit Bildung verhält es sich genau so. Wer sich um die Sache - Jus, Medizin, Sprachen, Sport, Kunst etc. - nicht bemüht wie um eine Geliebte, wird ihre Sprödigkeit nie überwinden, wird ihre beglückende Hingabe nie erleben, erst recht nicht erfahren, wie Erotik uns selbst verwandelt.
Bildung ist erotisch - oder gar nichts. Oder fürchten Sie, diese Art Bildung könnte brotlos sein? Dann will ich Ihnen kurz eine Geschichte erzählen: von Steve Jobs, dem Boss der Firma Apple (Mac, iBook, iPod, iPhone), dem vielleicht raffiniertesten Geschäftsmann der Gegenwart, so ideenreich wie steinreich. Dabei hat er nicht einmal, was Sie jetzt haben, einen College-Abschluss. Der junge Steve, ein Findelkind, hatte weder Geld noch irgendeine Idee, was er mit dem Leben anfangen sollte. Er sammelte gebrauchte Cola-Flaschen, trampte durch Indien, ein Hippie, der sich darauf verliess, dass Zufall und Intuition es schon richten werden.
Die Intuition fiel auf einen Kalligrafie-Kurs am Reed College. Schon lange hatte Steve auf dem Campus die handgeschriebenen Plakate und Aufschriften bewundert. Das wollte er nun ebenso schön können. Er lernte Schriftarten, die subtile Wahl der Abstände zwischen den Buchstaben, überhaupt, was gute Typografie ausmacht. Kalligrafie! Ein hübscher, doch hoffnungslos altmodischer, nutzloser Zopf. Jobs liebte ihn, und wer etwas liebt, fragt nicht, was es ihm bringt, ob es rentiert.
Jahre später , als Steve Jobs mit ein paar anderen Freaks in einer Garage am Macintosh baute, da fielen ihm die kalligrafischen Künste wieder ein. Seine Erfahrungen flossen in den Mac ein. Mac wurde zum ersten Computer mit einer gediegenen Typografie. Hätte Jobs den Kalligrafie-Kurs damals nicht zwecklos besucht, der Mac wäre nie auf den Markt gekommen mit seiner Palette von Schriftarten, seiner Satzspiegel-ästhetik - und wäre nie zu dem geworden, was er noch heute, im Unterschied zu Microsoft, ist: ein Kultgerät für Liebhaber. Hätte Jobs zielstrebig das College besucht, wäre er, mit "wichtigeren" Dingen beschäftigt, vermutlich nie an die wunderbare Kalligrafie geraten.
Die Liebe zur Kalligrafie! Sie verstehen die Moral von der Geschicht. Kalligrafie, dieser alte Zopf, als Chiffre - für das scheinbar Nutzlose, an das wir uns verschwenden. Als ich so jung war wie Sie jetzt, trieb ich vor allem Sport und Musik, mit 22 musste ich entscheiden: Will ich als Leichathlet über den Planeten - oder als Opernsänger? Ich liess dann beides und studierte gleichzeitig Physik und Philosophie, dazu Altgriechisch, Germanistik, Musik. Lauter nutzlose Dinge. Komischerweise hält man mich bis heute für brauchbar, als Hochschuldozent, Chefredaktor, Regierungsberater, Vortragstourist. Ist keine Frage der Begabung, Es kommt einzig auf die Lebhaftigkeit der Interessen an. Auf die Intensität zur Sache.
Wir müssen mögen, was wir tun. Und dann tun, was wir mögen. Anders lohnt sich nicht zu leben. Haben Sie Ronaldinho mal zugesehen, dieser perfekten Mischung aus Ballakrobat und Athlet? Warum spielte der Kerl in seine besten Tagen so traumhaft Fussball? Er sagt: "Ich habe als Kind den Fussball mit ins Bett genommen. Nach dem Aufstehen spielte ich mit meinen Freunden, und als sie müde waren, spielte ich mit meinem Hund weiter Fussball. Noch heute sind die glücklichsten Momente des Tages, wenn ich den Ball am Fuss habe."
Hübsches Bild für Bildung: Mit ins Bett nehmen, was wir studieren. Intim werden mit der Sache. Bildungspolitikern ziehen andere Metaphern vor. Am liebsten reden sie vom "Bildungsrucksack". Wer aber nimmt einen Rucksack mit ins Bett? Davon abzusehen: Die Verfallsdaten des Wissens werden immer kürzer - und das heisst: Was wir in den Rucksack stopfen, verfault absehbar. Zeitgemässe Bildung bringt den Bergsteiger in Form, nicht den Proviant. In dynamischen Zeiten behindern massige Rucksäcke nur unsere Beweglichkeit. Als flexible Leute brauchen wir eine Bildung, die wir sind, nicht eine, die wir haben. Je vergänglicher die Kenntnisse, umso wichtiger die Person. Nicht schleppen, tanzen muss der Zukunftstyp können, surfen, boarden, switchen - leichtfüssig, hellhörig, blitzgescheit. Sonst gerät er unter die Räder der Modernisierungsdynamik.
Wie lernen Sie tanzen? Manche sagen: Was ihr heute lernt, ist morgen schon Schrott. Zu dumm. Denn: Wer mag sich leidenschaftlich auf den Schrott von morgen einlassen? Das führt dazu, dass viele gar nicht mehr in die Sache eintauchen, nur so nach Art der Schmetterlinge an allem naschen und weiter fliegen. Als Chefredaktor sah ich das häufig, wenn ich Bewerbungen studierte. Ich überflog die Rubrik "Sprachkenntnisse" und staunte: Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch... Dann las ich noch einmal den Begleitbrief - und stellte fest: Nur eines können diese sprachlichen Wunderkinder nicht: deutsch. Können sie am Ende auch nicht richtig Spanisch, Russisch...?
Ist das der Preis der Flexibilität? Wer flexibel bleiben will, lässt sich besser nur provisorisch auf eine Sache ein? Wer polyvalent sein muss, identifiziert sich besser nicht mit einem Valeur. Also an möglichst vielem schnuppern - und in nichts sich vertiefen?
Tönt plausibel. Mit der Geradlinigkeit unserer Lebensläufe ist Schluss. Egal, was Sie studieren, Sie müssen sich auf ein Patchwork-Leben gefasst machen, auf eine Zickzack-Biografie, auf eine Nomadenexistenz, wo es Sie mal dahin, mal dorthin verschlägt. Die Frage ist nur: Wie wappnen Sie sich am besten aufs Nomadentum? Ich behaupte: Indem Sie sich mit Haut und Haar in ein Studium verlieben. Siehe Steve Jobs mit seiner Liebe zur Kalligrafie. Wer flexibel werden will, muss total unflexibel beginnen.
Ich hörte vorhin mit Vergnügen der Musik zu. Diese Manuela Santos, Glückwunsch. Ich spiele selber Geige, kann es ein bisschen beurteilen. Aber nun: Soll die junge Frau sich auf Geige konzentrieren? Ist in - 20, 30 Jahren - eine Violinistin noch gefragt? Weiss niemand. Vielleicht wollen die Leute dann nur noch Schlager hören, oder Gospel, mit Balaleika. Man muss mit allem rechnen. Bloss, was fängt die junge Musikerin mit solchen Rechnungen an? Soll sie vielleicht gleich auf sieben Instrumenten herum dilettieren? Zur Sicherheit? Das wäre das Dümmste, wäre etwa so, wie wenn man eine wunderbare Geliebte hat - und sich, zur künftigen Absicherung, noch zwei, drei weitere zulegt. So wird man nie ein guter Liebhaber. Und die junge Musikerin wird nie eine Virtuosin. Nur wenn sie, symbolisch, mit ihrer Geige ins Bett geht, hat sie eine Chance, dass wir sie noch in 20 Jahren hören wollen. Und falls nicht, sattelt sie dann umso leichter auf Balaleika um.
Flexibel wird, wer unflexibel beginnt. Sie müssen, was immer Sie jetzt anpacken, mögen. Das Studium, den Job. Sonst stümpern Sie ein Leben lang. An Hochschulen scheitert beinahe jeder dritte Studienanfänger. Eine Katastrophe, ökonomisch sowieso, individuell erst recht. Warum fliegen so viele raus? Sind sie zu dumm, zu faul? Nein. Es fehlt die Motivation. Zu viele absolvieren ihr Studium, ohne Neigung, ohne Neugier, ohne Leidenschaft. Sie wollen den Abschluss, sonst nichts. Sie lassen sich bedienen mit Wissen. Sie machen sich nicht zum Subjekt ihrer Bildung, nicht zu autonomen Autorinnen ihrer Wissensbiografie.
Sie werden sich das nicht antun. Nicht ehemalige Oerliker. Sie werden sich nicht jahrelang mit ungeliebten Dingen herumschlagen. Sie sind keine Zeitverplemperer, Sie wollen von jedem Tag, jeder Stunde etwas haben. Und Sie wissen, wie Sie zu Lebenskünstlern auflaufen: Lebenskünstler sind Liebhaber, sie unterhalten zu allem, was sie tun, eine Affäre. Ganz ohne Disziplin läuft das anfänglich nicht. Auch das Studium wird zunächst eine etwas zickige Geliebte sein. Doch nach und nach gibt sie Ihrem Werben nach, gibt all ihre Geheimnisse preis. Und verführt, vitalisiert wiederum Sie.
Genug geredet. Sie, liebe junge Frischgereifte, Sie sind die aktuellste Ausgabe der Menschheit. Auf Sie kommt es an. Lassen Sie sich ein auf die Erotik der Bildung. Ich garantiere Ihnen: Sie werden unwiderstehlich sein.
