Das Regenorchester -
Zur Lesung von Hansjörg Schertenleib (30. 10. 2009)
Text: Anja Temperli und Selina Döringer (5v)
Fotos: Wolfgang Fischer
"Sie hend i ihrem Buech vorne e Widmig, 'This is for you, Kristy, for you', a wen isch die grichtet?", fragt eine Schülerin der beiden Klassen 5v und 6a, die am Freitagmorgen in der Aula an der Lesung von Hansjörg Schertenleib teilnehmen. Nach kurzem überlegen meint der Autor: "Das isch z'privat." Verblüffung macht sich in dem grossen Raum breit. Denn ansonsten ist der Autor sehr offen und beantwortet unsere Fragen sehr entgegenkommend. Aufgrund eines Augenproblems hatte ihm der Arzt verboten, etwas vorzulesen. Somit setzt er sich schon zu Beginn nicht ans Lesepult, sondern direkt vor die Stuhlreihen. Dies trägt zu einer allgemein lockeren Atmosphäre bei. Schertenleib erzählt uns anfangs viel von seinem Leben. Man merkt, dass seine Lebensgeschichte praktisch mit der des Ich- Erzählers seines Buches übereinstimmt. Die Fragen, die wir zum Ich- Erzähler stellen, beantwortet er jeweils als wären sie direkt an seine eigene Persönlichkeit gerichtet. Als jemand aus dem Publikum wissen will, ob sein Buch "Das Regenorchester" eine Autobiographie sei, antwortet er: "Ja, mer chönts sicher als Autobiographie bezeichne, a private Stelle han ich d'Gschicht aber chli abgänderet." Erstaunlich ist auch die Einstellung zur Literatur in seiner Jugend. Lesen war seiner Meinung nach etwas für Stubenhocker, und er verstand auch nicht wie man seine Leben vertrödeln kann, indem man Bücher schreibt. Aufs Schreiben kam er erst in der Berufsmittelschule. Das Buch "Die Innenwelt der Aussenwelt der Innenwelt" von Peter Handke weckte sein Interesse an der Literatur. Mit viel Witz erzählt er uns von seinen Schreibanfängen, bei denen er sein erstes Buch nach 20 Absagen von verschiedenen Verlagen noch selber gedruckt hat. Von den gedruckten Exemplaren verkaufte er gerade mal 3. Den Rest musste er seinen Freunden mit der Drohung "Wennd keis nimmsch, simmer kei Kollege meh" aufschwatzen. Sein erstes Buch verfasste er 1982 während seinem Aufenthalt im Künstlerhaus in Boswil. Inzwischen hat er vor zwei Wochen sein 17. Buch abgegeben. Demnächst wird er für ein halbes Jahr die USA besuchen, da er an der Universität Harvard als Gastprofessor tätig sein wird, obwohl er nicht einmal im Besitz eines Maturabschlusses ist.
Sein Wohnsitz befindet sich in Irland, genauer in Donegal County, wo sich ebenfalls ein Grossteil der Geschichte "Das Regenorchester" abspielt. Die Gründe für seine Auswanderung waren einerseits die Geringschätzung der Arbeit als Schriftsteller in der Schweiz und andererseits sein grosses Interesse an der Kultur und den Menschen Irlands. Heute fühlt er sich in der Schweiz jedoch wieder wohler, deshalb pendelt er von Zeit zu Zeit zwischen Donegal County und Zürich hin und her.
Auf Fragen, die wir ihm bezüglich der Bedeutung verschiedener Szenen stellen, kann Schertenleib uns keine richtigen Antworten geben. Stattdessen rät er uns: "Fröged Sie lieber Ihri Düütschlehrer!" Beim Schreiben überlegt er sich solche Dinge nicht. Für ihn ist nur eines wichtig; Gerüche und Geräusche richtig rüberzubringen. Er ist aber sehr dankbar für die Auseinandersetzung mit seinen Büchern. Eine weitere Besonderheit ist, dass er beim Erarbeiten eines neuen Buches immer die dazu passende Musik hört. So entdeckte er beim Schreiben auch den Reggae, welchen ihn beim Verfassen des Buches "Das Regenorchester" inspirierte.
Alles in allem hat uns Hansjörg Schertenleib als Person sehr positiv überrascht und mit seiner witzigen Art hat er die Lesung für uns zu etwas Besonderem gemacht.
